Was ist das? Eine Auswertungsregel: Aus einer Beobachtung wird nur das geschlossen, was sie zwingend belegt — nie das, was sie nahelegt.
Krajewski nennt es das Prinzip der minimalistischen Kompetenzzuschreibung.
Der Unterschied an einem Fall. Ein Kind sagt die Zahlwortreihe bis 20 flüssig auf. Soll es dann aus einem Haufen genau vier Plättchen nehmen, greift es wahllos hinein.
- Verbreitete Lesart — das verbale Zahlensystem ist verfügbar, die entsprechende Entwicklungsstufe gilt als erreicht. So argumentieren unter anderem Fuson (1988) sowie von Aster & Shalev (2007), deren Stufenmodell in der neuropsychologischen Dyskalkulie-Diagnostik verbreitet ist.
- Zykloids Lesart — aufgesagt ist nicht verstanden. Solange keine Verknüpfung von Zahl und Menge gezeigt wurde, gilt sie nicht als vorhanden. Das Kind bleibt in der Vorstufe.
Warum nutzt Zykloid das? Überschätzte Kompetenz ist teurer als unterschätzte. Setzt die Förderung eine Stufe zu hoch an, arbeitet das Kind an etwas, dessen Grundlage fehlt — und scheitert an Aufgaben, an denen es nicht scheitern müsste.
Die vorsichtige Lesart kostet im schlechtesten Fall eine Sitzung zur Bestätigung; die großzügige kostet Wochen.
Wo siehst du das in der App? An den Prüffragen (Schritt 3b): Wo die Beobachtung mehrdeutig ist, fragt Zykloid nach, statt sich festzulegen.
Und daran, dass ein Kind ohne gezeigtes Mengenverständnis nicht in die Regelphase einsortiert wird, sondern in der Vorstufe bleibt.
Wenn du ein anderes Modell gewohnt bist: Zykloid wird dasselbe Kind eher niedriger einordnen als ein Instrument, das aus verfügbaren Zahlwörtern oder Ziffern schon auf Zahlverständnis schließt. Das ist kein Widerspruch in der Beobachtung, sondern eine bewusst andere Schlussregel.
Krajewski & Ennemoser (2013) · Krajewski & Schneider (2009), Learning and Instruction 19, 513–526.